dokumentation:wortschatztest

Wortschatztest WST

Abkürzung: WST

Autoren: Schmidt & Metzler, 19721)

Cave: Hier ist nicht die deutsche Version der Mill Hill Vocabulary Scale von Bulheller & Ibrahimovic gemeint,2) die gelegentlich auch als „Wortschatztest (WST)“ erscheint.

Wortschatztests erfassen die kristallisierte verbale Intelligenz. Im Allgemeinen sind Wortschatztests diejenigen Verfahren, die innerhalb einer Testbatterie am höchsten mit dem Gesamtergebnis korrelieren. Damit erfassen sie einen relativ hohen Anteil des Generalfaktors g der Intelligenz. Sie sind deshalb immer dann sehr beliebt, wenn es darum geht, die Intelligenz eines Erwachsenen relativ schnell abzuschätzen.

Man kann zwei Varianten unterscheiden, nämlich solche, die den aktiven Wortschatz messen (ein Beispiel ist der Wortschatztest in den Wechsler-Batterien (z.B. dem WIE),3) der das Erklären eines Wortes fordert) und solche, die das Wiedererkennen eines Wortes innerhalb einer Reihe von „Nicht-Wörtern“ verlangen und damit den Wortschatz passiv prüfen. Beispiele für die zweite Art sind der MWT-B4) und der Wortschatztest WST.5)

Die passiven Wortschatztests haben den Vorteil, dass sie weniger auf ein intaktes Gedächtnis angewiesen sind. Das passive Unterscheiden, ob einem ein Wort als bekannt oder nicht bekannt vorkommt, stellt weit weniger Ansprüche an das Gedächtnis als die Erklärung eines Wortes mit anderen Worten. Insofern sind passive Wortschatztests die Verfahren der Wahl, wenn es um die Abschätzung der prämorbiden kristallisierten Intelligenz bei Personen mit Verdacht auf eine dementielle Erkrankung geht.

Der WST6) ist ein Wortschatztest, den der Proband selbständig schriftlich ausfüllt. In jeder von 42 Zeilen muss man das real existierende Wort zwischen fünf Pseudowörtern erkennen und unterstreichen, Beispiel (Item aus der Testinstruktion):

Renek - Skerk - Erenk - Kern - Nerk - Lersk

Zur Durchführung braucht man das Testhandbuch, einen Antwortbogen und die Lösungsschablone zur Auswertung.

Der WST ist ein copyright-geschützter Test, die Rechte liegen bei der Beltz-Test-GmbH, die heute zu Hogrefe gehört. Er ist über die Testzentralen in Deutschland oder der Schweiz zu beziehen.

Die meisten Probanden bewältigen den Test in 5 Minuten, ein Zeitlimit gibt es nicht.

In der Originalinstruktion wird den Probanden gesagt, sie sollen nur dann antworten, wenn sie ein richtiges Wort erkannt haben, also nicht raten. Der Originaltext lautet:

  • Wenn Sie ein Wort als richtig erkannt haben, streichen Sie das Wort bitte durch. Es wird nicht gefordert, dass Sie eine Definition des Wortes geben sollen. Wir bitten Sie aber nicht zu raten! Sollten Sie in einer Zeile keines der Wörter kennen, streichen Sie also nichts durch.

Diese Instruktion ist bei den selbstunsicheren Patienten, die in einem klinischen Kontext sehr häufig anzutreffen sind, etwas problematisch. Bei sehr Intelligenten spielt es kaum eine Rolle, weil der geratene Teil der Items da klein ist. Bei den weniger Intelligenten kann diese Instruktiona aber dazu führen, dass Patienten mit Manien oder Persönlichkeitsstörungen immer ein paar IQ-Punkte mehr kriegen als selbstunsichere und depressive Patienten, weil die einen eben trotzdem raten und die anderen sich an die Instruktion halten. Das will man nicht wirklich. Eigentlich ist diese Instruktion deshalb in der Klinik nicht sinnvoll. Allerdings ist der Test mit dieser Instruktion normiert, auch wenn man nicht weiß, wie viele Personen in der Eichstichprobe sich tatsächlich an die Instruktion gehalten haben…

Es gibt nur einen Rohwert, die Summe der richtig beantworteten Items. Die Items des WST sind Rasch-skaliert. Das hat zwei praktische Konsequenzen: Zum einen ist der Rohwert damit eine Statistik, die das Testergebnis erschöpfend zusammenfasst. Zum zweiten gibt es für die möglichen Testrohwerte 0 und 42 keine Skalierungswerte.

siehe ausführliche Testdokumentation

Mit der Rasch-Skalierung ist die Normalisierung der Skala verbunden.

Nach unserem Wissen gibt es lediglich die im Testmanual publizierte Normierungsuntersuchung. Sie wurde von den Testautoren an einer Stichprobe von 300 weiblichen und 273 männlichen Personen, alle deutsche Muttersprachler, im Alter zwischen 16 und 90 Jahren durchgeführt. Es handelte sich um Patienten in allgemeinmedizinischen und Zahnarztpraxen sowie um Krankenhausbeschäftigte. Die Absicht hinter dieser Auswahl war es, von den Variablen Schulbildung oder Intelligenz weitgehend unabhängig zu bleiben. Eine reine Zufallsstichprobe war den Autoren damals nicht möglich.

Die Altersverteilung der Stichprobe ist im Manual angegeben. In den Altersklassen 16-19, 20-29, 30-39, 40-49 und 50-59 wurden zwischen 8 und 14 Personen pro Jahrgang untersucht, in den höheren Altersstufen waren es deutlich weniger (zwischen 60 und 69 noch rund drei pro Jahr, zwischen 70 und 90 nur ein bis zwei). Der Altersmittelwert lag bei 40 Jahren (SD 15,5). Nach Angaben der Autoren stehen die Berufsbildungsklassen, die ebenfalls im Handbuch tabelliert sind, in Übereinstimmung mit der Klassifikation des Statistischen Bundesamtes von 1990.

Leider gibt es keine Aufschlüsselung der Normen für verschiedene Altersklassen. Die Autoren begründen das damit, dass es keinen signifikanten Einfluss des Alters auf die Testwerte gab. Das ist in diesem Fall allerdings ein eher formalistisches Argument. Die Korrelation der Fähigkeitswerte, die in einem linearen Verhältnis zu den z-Werten und damit den IQs stehen, zum Alter betrug r=.08. Bei 573 Personen ist das mit einem p von 0,056 auf dem 5-Prozent-Niveau gerade nicht mehr signifikant. Da die Korrelation positiv ist, wird man wie bei den Wortschatztests im WIE oder HAWIE-R eine kurvilineare Beziehung vermuten müssen, mit einem Anstieg der Leistung in den ersten drei oder vier Dekaden der Stichprobe und einem Abfall danach. Durch die schwächer besetzten alten Jahrgänge dürfte das in einer niedrigen positiven Korrelation resultieren. Schade, dass sich der Alterseinfluss im WST mangels Normdaten nicht abbilden lässt.

Für den Einschluss des WST in TDB2Online heißt das, dass abweichend von dem üblichen Verfahren die Leistungswerte nicht auf einer separaten Gruppe junger Erwachsener basieren, sondern mangels weiterer Differenzierung auf der gesamten Eichstichprobe. Altersadäquate Ergebnisse lassen sich damit leider nicht berechnen. Wir trösten uns damit, dass bei den Wortschatztests, und insbesondere bei den passiven wie dem WST, der Alterseinfluss immerhin viel geringer ist als bei anderen Fähigkeiten.

siehe ausführliche Testdokumentation


1) , 5) , 6)
Schmidt, K.-H. & Metzler, P. (1992). Wortschatztest. WST. Testmappe. Weinheim: Beltz.
2)
Ibrahimovic, N. & Bulheller, S. (2005) Wortschatztest - Aktiv und passiv. Deutschsprachige Version des Mill-Hill Vocabulary Tests. Frankfurt: Pearson Assessment & Information GmbH
3)
von Aster, M., Neubauer, A., & Horn, R. (2006). Wechsler Intelligenztest für Erwachsene WIE. Manual. Übersetzung und Adaptation der WAIS-III von David Wechsler. Frankfurt/M.: Pearson Assessment & Information GmbH.
4)
Lehrl, S. (1977). Mehrfachwahl-Wortschatz-Intelligenztest MWT-B. Erlangen: Straube.
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  • Zuletzt geändert: 2021/07/16 15:15
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