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Frontal Assessment Battery
Abkürzung: FAB
Hintergrund
Die Frontal Assessment Battery wurde 2000 von Bruno Dubois und Mitarbeitern konstruiert und in der Zeitschrift Neurology beschrieben.1) Ziel der Autoren war die Entwicklung einer kurzen, am Krankenbett durchführbaren Testbatterie zur Erfassung des „dysexekutiven Syndroms“ bei Erwachsenen. Die Autoren waren sich bewusst, dass die klinische Erfassung von kognitiven Funktionen des frontalen Cortex schwierig ist. Funktionsbeeinträchtigungen des Frontalhirns können sich in vielen unterschiedlichen Fähigkeitsbeeinträchtigungen äußern, was nur durch eine Vielfalt testpsychologischer Verfahren geprüft werden kann. Trotzdem sahen die Autoren es als vorteilhaft an, schon am Beginn der Suche nach frontal bedingten Fähigkeitseinschränkungen ein kurzes Verfahren zur Verfügung zu haben, das am Patientenbett ein gewisses Screening erlaubt. Als Anwendungsfelder sahen sie frontotemporale oder vaskulär bedingte Demenzen, spezielle Formen der Parkinson-Krankheit und Zustände nach Hirnverletzungen.
Die bisherige Rezeption (in der Web of Science Core Collection finden sich im Juli 2026 3291 Arbeiten, die den FAB-Artikel zitieren) gibt den Autoren durchaus recht und zeigt, dass es einen Bedarf für ein solches Verfahren gibt. Dubois und Mitarbeiter gaben in ihrer Erstveröffentlichung nur grobe Cut-off-Werte an, ähnlich wie das auch die Verfassser von MMSE und MoCA gemacht haben. Erfahrene Anwender, für die der Umgang mit den Rohwerten solcher Screeningtests (und auch mit den Tests selbst) alltägliche Praxis ist, brauchen keine standardisierten Werte. Anwender, die sich (noch) nicht so gut damit auskennen, profitieren dagegen von einer altersabhängigen Normierung, die die klinische Beurteilung erleichtert. Da inzwischen etwa 20 der Folgearbeiten ausführliche Normdaten für die FAB zur Verfügung stellen, ist es jetzt möglich, die FAB in TDB2 und TDB2Online aufzunehmen und Standardwerte auszugeben, die das Alter berücksichtigen.
Die FAB besteht aus sechs Untertests, nämlich (1) verbale Konzeptbildung, (2) lexikale Wortflüssigkeit, (3) motorische Programmierung, (4) Interferenzanfälligkeit, (5) Inhibitionsfähigkeit und (6) Umgebungsautonomie. In jedem Untertest werden zwischen 0 und 3 Punkte vergeben, die zu einem Gesamtwert ( 0 bis 18) addiert werden.
Testmaterial
Die FAB ist im genannten Aufsatz2) komplett beschrieben. Auf Grundlage dieser Arbeit wurde für den klinikinternen Gebrauch ein dreiseitiges Protokollblatt inklusive zugehöriger deutscher Instruktion erstellt, die wir hier als pdf-Datei zugänglich machen. Es gibt auch eine kürzer gefasste deutsche Version, die von Benke et al. 2013 im Journal of Neurology publiziert wurde.3) Die Versionen unterscheiden sich in Details, was natürlich auch für die anderen Sprachversionen gilt, die wir bei der Normerstellung berücksichtigt haben. Kritisch ist nur die Wahl des Buchstabens im zweiten Untertest (im englischen Original wie in den beiden deutschen Vorschlägen ein „S“). Das haben aber alle Autoren anderer Sprachversionen berücksichtigt und häufig vorkommende Buchstaben gewählt.
Copyright
Dubois und Mitarbeiter beschreiben in ihrem Artikel in Neurology4) sehr genau, wie die Testung durchgeführt werden soll. Ein explizites Copyright an dem Verfahren ist nicht erwähnt. Implizit dürfte es bei dem Verlag liegen, der die Zeitschrift publiziert. Bisher scheint weder die Verwendung noch die Übersetzung des Verfahrens rechtlich eingeschränkt worden zu sein. (Was nicht heißt, dass das in Zukunft nicht passieren kann, siehe die Situation bei der MMSE.)
Testdurchführung
Durchführung und Auswertung der FAB sind im Anhang der Originalarbeit hinreichend genau beschrieben. Mehr als 10 Minuten wird das selten in Anspruch nehmen.
Testrohwerte
Pro Aufgabe können zwischen 0 und 3 Punkte erreicht werden. Nach jeder Aufgabe ist vermerkt, welche Antwort wieviele Punkte zählt. Die Auswertung kann direkt nach jeder Aufgabe erfolgen. Der Testrohwert besteht aus der Punktsumme aller 6 Aufgaben.
Verteilungseigenschaften der Rohwerte
Ähnlich wie MMSE und MoCA misst auch die FAB keine normalverteilte kognitive Fähigkeit, sondern gradiert eine Stichprobe exekutiver kognitiver Fähigkeiten von einem „Normalzustand“ bis hinunter zu einem sehr niedrigen Leistungsniveau. Das obere Ende des Messbereichs ist willkürlich an einem „gesunden, unbeeinträchtigten“ Niveau fixiert, das untere Ende beim Verlust exekutiver Fähigkeiten. Man muss also erwarten, dass die Rohwertverteilungen bei Gesunden rechtsgipflig sein werden.
Publizierte Rohwertverteilungen von Zufallsstichproben haben wir für die FAB nicht gefunden. Alle Normierungsstudien sind mehr oder weniger an anfallenden Stichproben durchgeführt, einige davon aber zumindest stratifiziert an Bevölkerungszahlen, meist für Geschlecht, Alter und Schulbildung, wobei das Geschlecht für die Testergebnisse nie eine Rolle spielte. Die umfangreichste stratifizierte Studie5) mit insgesamt 2508 Teilnehmern berichtete unter anderem die Rohwerte an 7 Perzentilstellen (die Prozentränge 5, 10, 25, 50, 75, 90 und 95) für drei Bildungsklassen und 10 überlappende Altersgruppen mit den Mittelwerten 65, 68, …, 89 und 92). Aus diesen Daten ließ sich eine Rohwertverteilung näherungsweise zurückrechnen. Wir berechneten aus den Perzentilwerten die entsprechenden Standardwerte für die Normalverteilung, glätteten sie mit einer exponentiellen Anpassung, mittelten sie über die drei Bildungsklassen, interpolierten die Werte für die in TDB2 verwendeten Altersklassenmittelwerte 62 (extrapoliert), 67, …, 87 und 92 und extrapolierten die Standardwerte für Rohwerte unterhalb von 9 (Rohwerte unterhalb von 9 kamen bei den Gesunden dieser Studie kaum vor und lagen weit unterhalb des 5. Perzentils). Abbildung 1 zeigt die resultierenden Verteilungen.
Abbildung 1: Rückgerechnete Verteilungen der FAB-Rohwerte in der Studie von Coen et al. (2016) für sieben Altersgruppen
Man sieht in der Abbildung die Rechtsgipflichkeit der Verteilung: Bei einem maximalen Rohwert von 18 liegt der Modalwert bei allen Altersklassen bei 16 oder 17 Rohwerten. Werte unterhalb von 9 kommen bei Jüngeren (das sind in dieser Studie die 60-64-Jährigen) kaum vor. Der Messbereich ist nach oben sehr begrenzt (wie bei MMSE und MoCA ist das Absicht: die volle Punktzahl sollen „Gesunde“ erreichen, nicht etwa nur die besonders Begabten, wie bei Fähigkeitstests, die das ganze Leistungsspektrum abdecken sollen). Man sieht aber auch, dass die FAB-Werte im Alter durchaus systematisch abnehmen und ein einziger Cut-Off-Wert zur Trennung von „gesund“ und „auffällig“ über alle Altersgruppen hinweg den Daten nicht gerecht würde. Genau so ist es auch bei MMSE und MoCA.
Für die Linearisierung der Skala eignet sich die Studie von Coen et al. (2016) gut und wir haben sie dafür verwendet.
Normuntersuchungen
Originalarbeit
In der Originalpublikation der FAB von 20006) enthielt Daten von zwei klinischen Gruppen (Alzheimer Demenz, leichte kognitive Störung) wurden Testergebnisse nur für eine kleine, nicht näher bestimmte Gruppe Gesunder und für verschiedene klinische Gruppen berichtet. An Hand dieser Stichproben wurden Reliabilität und Validität der FAB analysiert, Empfehlungen für Cut-off-Werte werden nicht gegeben.
Normuntersuchungen in der internationalen Literatur
Bei einer Literatursuche im Mai/Juni 2026 haben wir 19 Arbeiten gefunden, die den Anspruch hatten, Normwerte für die FAB zu liefern. Die Studien sind von unterschiedlicher Qualität, aus unterschiedlich entwickelten Ländern und aus unterschiedlichen Sprachregionen. 14 der Arbeiten geben eine - manchmal nur grobe - Aufgliederung der Normwerte nach Alter. Alle 14 geben Normwerte für den Altersbereich von 60 bis 79, 10 berücksichtigen den Altersbereich bis 89 Jahre, 9 Arbeiten geben auch Normwerte für jüngere Personen. Diese 14 Arbeiten werden im Folgenden näher charakterisiert.
Die Arbeit von Coen et al. (2016)7) wurde oben schon kurz gestreift, weil wir sie für die Rückleitung der Rohwertverteilung der FAB benutzt haben. Sie entstand als Teil einer irischen Studie namens Trinity, Ulster, Department of Agriculture (TUDA), in der Personen im Alter von 60 Jahren aufwärts untersucht wurden, die zu Hause wohnten und Ambulanzen oder General Practitioner besuchten. Für die FAB-Normstudie wurden nur Personen eingeschlossen, die im MMSE mehr als 26 Punkte erzielten, nicht an einer Depression oder Angsterkrankung litten und keine Hinweise auf frühere Schlaganfälle oder TIAs aufwiesen. Insgesamt 2508 Personen im Altersbereich von 60 bis 95 erfüllten diese Kriterien. Neben den oben schon erwähnten Perzentil-Ergebnissen sind auch Mittelwerte und Standardabweichungen in drei Schulbildungsgruppen (primary, secundary und tertiary) für 10 überlappende Altersbereiche im 3-Jahres-Abstand angegeben, die auf die in TDB2 üblichen 5-Jahres-Gruppen umgerechnet und über die Bildungsgruppen gewichtet gemittelt werden konnten. Mit im Durchschnitt 12.7 Jahren Schulbildung liegen die Teilnehmer dieser Studie im Vergleich zu den anderen Studien sehr hoch. Offensichtlich führte der Auswahlprozess doch zu einer eher gut gebildeten Stichprobe.
Ilardi et al. (2022)8) untersuchten eine anfallende Stichprobe von 1241 Personen im mittleren und südlichen Italien. Die Personen mussten älter als 17 sein, MMSE > 25 und mindestens 3 Jahre formalen Schulunterricht gehabt haben. Die mittlere Schulbildung lag bei 10.55 Jahren. Die Autoren stellten fest, dass der Subtest 6 der FAB praktisch keine Varianz enthält, weil fast alle Personen hier 3 Punkte erhalten. Diese Beobachtung ist richtig und wurde auch von vielen anderen Autoren erwähnt. Ilardi und Mitarbeiter berichteten dann allerdings ihre Ergebnisse nur für die ersten 5 Subtests, von ihnen „FAB15“ genannt. Sie benutzten außerdem eine Regressionsmethode, um Korrekturformeln für „Equivalent Scores“ zu erstellen. Immerhin sind die verwendeten Regressionsgleichungen angegeben, mit denen man all das rückgängig machen kann. Wir haben wie gewohnt die über die Bildungsklassen gewichtet gemittelten Rohwerte in die Metaanalyse der Normwerte eingehen lassen. Durch Addition von 3 Rohpunkten kamen wir auch wieder zum erwarteten Ergebnis der normalen FAB. Dazu mehr in der Diskussion.
Hurtado-Pomares et al. (2024)9) untersuchten 798 Personen im Alter von 19 bis 91 Jahren mit der FAB. Die Personen wurden auf der Straße angesprochen und gingen stratifiziert nach Alter, Schulbildung und Geschlecht in die Stichprobe ein. Neben anderen Einschlusskriterien zur körperlichen und psychischen Gesundheit war das wichtigste ein MMSE von 28 oder mehr. In der Studie werden Mittelwerte und Standardabweichungen für sechs Altersgruppen zwischen 20 und 80 Jahren und für drei Bildungsgruppen berichtet. Die über die Bildungsgruppen gewichtet gemittelten Mittelwerte und Standardabweichungen der Studie gingen in die Metaanalyse ein. Mittelwerte für die Schulbildung liegen nicht vor.
Aus der Slowakei haben Abrahamova et al. (2022)10) eine Normierungsstudie zur FAB vorgelegt. Die Untersuchung wurde vor allem in Bratislava durchgeführt. Der MMSE musste größer als 23 sein und es durfte keine sonstige Erkrankung vorliegen, die die kognitive Leistung beeinträchtigen kann. Das mittlere Bildungsniveau war mit 13,9 Jahren sehr hoch. Personen ab 18 Jahre wurden in die Studie eingeschlossen. Unter anderem werden Mittelwerte und Standardabweichungen für 7 Alters- und zwei Bildungsgruppen berichtet. Sie wurden von uns über die Bildungsgruppen gemittelt.
Eine weitere Studie aus Italien von Aiello et al. (2022)11) lieferte ebenfalls Normwerte für die FAB, dieses Mal aus Norditalien. 475 gesunde erwachsene Probanden ohne Anzeichen einer psychischen oder körperlichen Störung wurden in die Studie eingeschlossen. Das mittlere Bildungsniveau lag bei 11.7 Jahren. Ähnlich wie in der Studie von Ilardi wurden auch hier die Ergebnisse regressionsanalytisch verrechnet und in Form von „Equivalent Scores“ umgerechnet. Da die Regressionsgleichungen angegeben waren, ließ sich alles wieder auf Rohwerte zurückrechnen. Die altersentsprechenden gewichteten Mittelwerte konnten damit in die Meta-Analyse eingeschlossen werden.
Aus Österreich stammt eine Studie von Benke et al. (2013)12). Hier wurden 401 kognitiv gesunde Personen zwischen 50 und 95 Jahren mit einer deutschen Version der FAB untersucht. Mit 13 Jahren war das mittlere Bildungsalter wieder relativ hoch. Der MMSE musste über 23 liegen. Die Ergebnisse liegen als Mittelwerte und Standardabweichungen für vier 10-Jahres-Gruppen und zwei Bildungsgruppen vor und wurden für TDB2 über die beiden Bildungsgruppen gemittelt.
Eine dritte italienische Studie stammt von Appollonio et al. (2005)13). Hier wurden 364 Personen im Alter von 20 bis 94 Jahren mit der FAB untersucht, das mittlere Bildungsalter lag bei 10,4 Jahren. Die Ergebnisse liegen als Mittelwerte und Standardabweichungen für acht 10-Jahres-Altersgruppen und fünf (nach Bildungsjahren gegliederten) Bildungsgruppen vor und wurden über die Bildungsgruppen gewichtet gemittelt.
Eine relativ neue Studie liegt aus Chile von Grandi et al. (2022)14) vor. Die Autoren untersuchten 344 Personen in einem mittleren Alter von 55 und mittleren Bildungsalter von 12,6 Jahren und einem MMSE > 24 Punkten sowie weiteren Ausschlusskriterien mit einer spanischen Version der FAB, die im Anhang der Arbeit abgedruckt ist. Alle Probanden wurden in einer Demenzklinik in Santiago untersucht, sie dürften wohl aus der Stadt oder der direkten Umgebung stammen. Die Normen liegen u. a. als Mittelwerte und Standardabweichungen für 3 relativ grobe Altersklassen und 3 Bildungsklassen vor. Sie wurden für TDB2 über die Bildungsgruppen gewichtet gemittelt.
Lima et al. (2008)15) untersuchten mit einer portugiesischen Version der FAB 122 erwachsene gesunde Personen mit einem mittleren Bildungsalter von 8.7 Jahren und einem Alter zwischen 20 und 81 Jahren. Mittelwerte und Standardabweichungen von vier groben Altersklassen und vier Bildungsklassen wurden für den Einschluss in TDB2 über die Bildungsklassen gewichtet gemittelt.
Die bisher genannten neun Studien können alle für eine Metaanalyse der Normdaten der FAB Verwendung finden. Bei den im Folgenden beschriebenen fünf Studien gibt es jeweils ein oder mehrere Hinderungsgründe für den Einbezug.
Salinas-Lopez et al. (2026)16) haben kürzlich eine bisher nur online publizierte Studie aus Chile vorgelegt. Eine relativ große, anfallende Stichprobe von 1022 gesunden Personen im Alter zwischen 56 und 101 Jahren, alle mit Lese- und Schreibkenntnissen, wurde mit Hilfe einer Senioren-Organisation mit der FAB untersucht. Neben vielen psychometrischen Ergebnissen zur FAB-15 (also ohne den 6. Subtest, der bei allen Analysen weggelassen wurde, obwohl er durchgeführt wurde) enthält die Studie auch die Mittelwerte und Standardabweichungen für zwei Bildungs- und fünf Altersgruppen. Eine gewichtete Mittelung über die Bildungsgruppen war nicht möglich, weil die Personenzahl pro Bildungs- und Alterskombination nicht angegeben ist. Zu den Mittelwerten der FAB-15 wurden wie bei Ilardi et al. (2022) 3 Punkte hinzugezählt. Die Testwerte dieser Studie liegen deutlich unter den bisher besprochenen Studien, besonders bei den Älteren der Stichprobe. Sie liegen auch unter den Werten der Studie von Lima et al. (2008), die ebenfalls aus Chile stammt. Genauere Angaben zum Bildungshintergrund der Probanden fehlen. Die Standardabweichungen der Altersgruppen sind deutlich höher als in den bisher genannten Studien. Das gibt uns Anlass, die Studie nicht in die Metaanalyse einzuschließen.
Kim et al. (2010)17) übersetzten die FAB ins Koreanische und testeten damit u.a. 635 gesunde Personen im Alter über 54 aus Korea. Die Teilnehmer gehörten zu einer koreanischen Langzeitstudie. In dieser Studie wurde auch das Clinical Dementia Rating18) durchgeführt. Personen der Normstichprobe durften keinen CDR-Wert > 0 haben. Die Teilnehmer hatten im Durchschnitt 9 Bildungsjahre. Mittelwerte und Standardabweichungen liegen für vier Bildungs- und drei Altersgruppen vor. Mittelte man sie über die Bildungsgruppen, erhielt man Werte, die außerhalb der Werte der Studien 1 bis 9 lagen, was auf Grund des geringen mittleren Bildungsniveaus nicht unerwartet ist. Wir haben diese Studie nicht in die Metaanalyse eingeschlossen.
Aus Brasilien (de Paula et al., 2013)19) liegt eine Studie an 391 gesunden Personen im Alter von 60 bis 99 Jahren aus Belo Horizonte vor. Auch in dieser Studie lag das durchschnittliche Bildungsalter nur bei 6,5 Jahren und die mittleren FAB-Werte lagen deutlich unter den Werten der Studien 1 bis 9.
Von Wang et al. (2016)20) liegt eine Studie aus Taiwan vor. Hier wurden 301 gesunde Personen im Alter zwischen 15 und 86 Jahren mit einer chinesischen Version der FAB untersucht. Für den Einschluss in die Metaanalyse ist kritisch, dass - obwohl die mittlere Bildungsdauer bei 12,8 Jahren lag - gerade die Älteren über 60 Jahre häufig nur wenige Bildungsjahre aufwiesen. Entsprechend lagen die FAB-Mittelwerte in dieser Studie bei den Jungen bis etwa 40 Jahre etwa im Niveau der Studien 1-9 (soweit diese so junge Personen überhaupt eingeschlossen hatten), bei den Älteren über 60 Jahre lagen sie aber weit darunter. Auch diese Studie wurde deshalb aus der Metaanalyse ausgeschlossen.
Eine weitere Studie liegt aus dem Iran vor. Asaadi et al. (2016)21) untersuchten eine anfallende Stichprobe von 149 gesunden Personen im Alter zwischen 48 und 81 Jahren mit der FAB. Personen mit weniger als 5 Bildungsjahren oder einem MMSE unter 24 wurden ausgeschlossen. Im Mittel wies die Stichprobe ein Bildungsalter von 11,3 Jahren auf. Die Normierungsergebnisse liegen in Form von Mittelwert und Standardabweichung für drei Alters- und vier Bildungsgruppen vor. Vergleicht man die Ergebnisse mit den Studien 1 bis 9, dann liegen die Mittelwerte am unteren Rand dieser Studien, die Standardabweichungen allerdings weit außerhalb aller anderen Studien. Da zudem die Altersgruppen nur sehr grob sind und oberhalb von 70 Jahren (dem interessantesten Bereich für die FAB) nicht differenziert sind, haben wir auch diese Studie bei der Metaanalyse weggelassen.
Abbildung 2 zeigt die Mittelwerte aller genannten Studien über den Altersverlauf in Fünf-Jahres-Zeiträumen von 20 bis 94 Jahren (grün die für die TDB2-Normen verwendeten neun Studien mit deren Mittelwerten in schwarz, orange die fünf nicht verwendeten Stichproben). Da die FAB von vielen Studien auch für jüngere Erwachsene normiert wurde, zeigen wir den gesamten Altersverlauf aller Studien. Die Leistungswerte werden wir allerdings wie bei allen vorwiegend im höheren Alter verwendeten Verfahren aus Gründen der Interpretationsvereinfachung auf die Altersgruppe 60 bis 64 beziehen. Da die Fallzahlen in den Studien wieder sehr ungleich sind, haben wir die Mittelwerte über die Studien nicht gewichtet berechnet, weil sonst einzelne Studien ein zu großes Gewicht erhalten hätten.
Abbildung 2: Mittelwerte der FAB-Rohwerte im Altersverlauf in neun für die Metaanalyse verwendeten Studien (grün) mit deren Mittelwert (schwarz) und fünf nicht verwendeten Studien (orange)
Im Vergleich zu anderen Tests finden sich unter den Normierungsstudien zur FAB viele aus weniger entwickelten Ländern. Bei ihnen haben zwar die Jüngeren in der Stichprobe ähnliche schulische Bildungsverläufe wie in entwickelten Ländern, die Älteren aber nicht. Im Querschnitt (wir haben es bei den Testnormierungen ja immer mit Querschnittsuntersuchungen zu tun) äußert sich das in unterschiedlichen Altersverläufen mit größeren Einbußen im höheren Alter. Für den Einsatz in entwickelten Ländern ist der Einbezug von solchen Daten nicht sinnvoll.
Abbildung 3 zeigt in gleicher Weise wie Abbildung 2 die Standardabweichungen der 14 Studien, soweit sie berichtet wurden. Hier fällt wie oben schon beschrieben die Studie von Asaadi durch unplausible Werte auf.
Abbildung 3: Standardabweichungen der FAB-Rohwerte im Altersverlauf in neun für die Metaanalyse verwendeten Studien (grün) mit deren Mittelwert (schwarz) und fünf nicht verwendeten Studien (orange)
Linearisierung der Messskala
Wir haben die oben erwähnte Studie von Coen et al. (2016) für die Linearisierung der Messskala verwendet. Da die Mittelwerte dieser Studie über die Altersgruppen hinweg etwas höher liegen als die Mittelwerte der Studien 1 bis 9, auf die wir die Normen gründen, wurde ein Korrekturfaktor angewendet. Abbildung 4 zeigt die Leistungswerte für die FAB-Rohwerte von 5 bis 18, basierend auf einer Flächentransformation der Perzentilwerte der Studie von Coen et al. (2016).
Abbildung 4: Flächentransformation der FAB-Rohwerte in IQ-skalierte Standardwerte für die 60-64-Jährigen der Studie von Coen et al. (2016)
Leistungs- und Altersnormen im Überblick
siehe ausführliche Testdokumentation
Diskussion
Die FAB testet wichtige und grundlegende exekutive Funktionen, die gesunden Personen fast jeden Alters normalerweise zur Verfügung stehen. In der Originalarbeit korrelierte die FAB über eine größere (N=120) heterogene Stichprobe relativ hoch mit dem Wisconsin Card Sorting Test und der Mattis Dementia Rating Scale, die beide empfindlich für Störungen der exekutiven Funktionen sind. Die Korrelationen mit dem Alter der Patienten oder dem MMSE fielen demgegenüber gering aus, was zeigt, dass die von der FAB erfassten exekutiven Funktionen in den Testwert der MMSE kaum eingehen.
Bei Gesunden kommt praktisch nur der Wertebereich von etwa 9 bis 18 vor, niedrigere Werte gibt es nur bei exekutiv schwer beeinträchtigten Menschen. Unterhalb von 9 FAB-Rohwerten bewegt man sich deshalb in einem Fähigkeitsraum, in dem bevölkerungsstandardisierte Messwerte keine sinnvolle Verwendung mehr finden können. Die in TDB2Online gegebene Umrechnung solch niedriger Rohwerte in Leistungswerte ist lediglich extrapoliert und basiert nicht mehr auf empirischen Daten.
In zwei der vorliegenden (und für die Normierung verwendeten) Studien wurde eine „FAB-15“ statt der üblichen FAB (das wäre in dieser Notation eine „FAB-18“) verwendet. Im letzten Subtest der FAB, also bei der Erfassung der Umgebungsautonomie, erreichen praktisch alle gesunden Personen drei Punkte. Dieser Subtest ist so „leicht“, dass er einerseits kaum Varianz aufweist und messtechnisch (z.B. in Faktorenanalysen) stört, andererseits auch höchst selten zur Messung etwas beiträgt. Wir haben zu den FAB-15-Ergebnissen in den beiden Studien einfach jeweils 3 Punkte hinzugezählt. Nur sehr schwer beeinträchtigte Personen erreichen in diesem Subtest weniger als 3 Punkte.



