dokumentation:regensburger_wortfluessigkeitstest

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 Die psychometrische Aufarbeitung des RWT für die graphische Präsentation in TDB2Online verlief weitestgehend problemlos, eine simple lineare Transformation erfüllte bei allen Subtests ihren Zweck, auch wenn man die dafür erforderlichen Stichprobenstatistiken erst aus den Prozentrangnormen ableiten musste. Auch der Stellenwert des Verfahrens als Test für einen bestimmten Aspekt der exekutiven Funktionen ist klar umrissen und in der neuropsychologischen Literatur weltweit gut diskutiert. Der RWT verdient also seinen Platz im Spektrum der TDB2Online-Verfahren, auch wenn angesichts der engen Zielsetzung von Wortflüssigkeitstests neuropsychologische Interpretationen von RWT-Ergebnissen inhaltlich begrenzter sind als dies bei manch anderen Tests der Fall ist und er deshalb auch wahrscheinlich seltener angewandt wird. Die psychometrische Aufarbeitung des RWT für die graphische Präsentation in TDB2Online verlief weitestgehend problemlos, eine simple lineare Transformation erfüllte bei allen Subtests ihren Zweck, auch wenn man die dafür erforderlichen Stichprobenstatistiken erst aus den Prozentrangnormen ableiten musste. Auch der Stellenwert des Verfahrens als Test für einen bestimmten Aspekt der exekutiven Funktionen ist klar umrissen und in der neuropsychologischen Literatur weltweit gut diskutiert. Der RWT verdient also seinen Platz im Spektrum der TDB2Online-Verfahren, auch wenn angesichts der engen Zielsetzung von Wortflüssigkeitstests neuropsychologische Interpretationen von RWT-Ergebnissen inhaltlich begrenzter sind als dies bei manch anderen Tests der Fall ist und er deshalb auch wahrscheinlich seltener angewandt wird.
  
-Das Hauptproblem bei dieser deutschen Version von Wortflüssigkeitstests ist - wieder einmal - die mangelnde Repräsentativität der Normierung. Aus der Beschreibung der Stichprobe lassen sich kaum Hinweise ziehen, dort wird Repräsentativität auch gar nicht erst beansprucht. Unabhängige Daten gesunder Probanden aus dem deutschen Sprachraum zu den RWT-Subtests ließen sich bis Ende 2012 nicht finden. In der deutschen [[http://de.groups.yahoo.com/group/neuropsychologie/|Neuropsychologie-Gruppe]] gab es im Februar 2004 von mehreren klinischen Anwendern Hinweise  darauf, dass der Test "zu schwer" ist und auch gesunde und normal leistungsfähige Personen Werte im unterdurchschnittlichen Bereich erhalten. +Das Hauptproblem bei dieser deutschen Version von Wortflüssigkeitstests ist - wieder einmal - die mangelnde Repräsentativität der Normierung. Aus der Beschreibung der Stichprobe lassen sich kaum Hinweise ziehen, dort wird Repräsentativität auch gar nicht erst beansprucht. Unabhängige Daten gesunder Probanden aus dem deutschen Sprachraum zu den RWT-Subtests ließen sich bis Ende 2012 nicht finden. In der ehemaligen deutschen Yahoo-Gruppe Neuropsychologie gab es im Februar 2004 von mehreren klinischen Anwendern Hinweise darauf, dass der Test "zu schwer" ist und auch gesunde und normal leistungsfähige Personen Werte im unterdurchschnittlichen Bereich erhalten. 
  
 Bei den in TDB2Online eingeschlossenen Tests versuchen wir im Allgemeinen, die Normdatenlage zu verbreitern und beziehen dazu auch internationale Quellen ein, wenn dies inhaltlich gerechtfertigt ist. Bei den Subtests des RWT ist das leider nur sehr indirekt möglich. Bei den formallexikalischen Subtests lassen sich fremdsprachliche Ergebnisse überhaupt nicht verwenden, weil die Häufigkeit von Wörtern mit bestimmten Anfangsbuchstaben je nach Sprache unterschiedlich ist. Wir haben aber versucht, die Ergebnisse von zwei anderen deutschsprachigen Publikationen mit den Ergebnissen des RWT abzugleichen. Dieser Versuch ist weiter unten dargestellt. Mit den kategorial-semantischen Subtests ist dagegen ein Vergleich über Sprachgrenzen durchaus möglich. Zumindest für die Kategorie //Tiere// gibt es international genügend Daten, die einen Vergleich ermöglichen, wenn auch nur für die Messzeit von einer Minute. Auch dies wird im Folgenden dargestellt. Bei den in TDB2Online eingeschlossenen Tests versuchen wir im Allgemeinen, die Normdatenlage zu verbreitern und beziehen dazu auch internationale Quellen ein, wenn dies inhaltlich gerechtfertigt ist. Bei den Subtests des RWT ist das leider nur sehr indirekt möglich. Bei den formallexikalischen Subtests lassen sich fremdsprachliche Ergebnisse überhaupt nicht verwenden, weil die Häufigkeit von Wörtern mit bestimmten Anfangsbuchstaben je nach Sprache unterschiedlich ist. Wir haben aber versucht, die Ergebnisse von zwei anderen deutschsprachigen Publikationen mit den Ergebnissen des RWT abzugleichen. Dieser Versuch ist weiter unten dargestellt. Mit den kategorial-semantischen Subtests ist dagegen ein Vergleich über Sprachgrenzen durchaus möglich. Zumindest für die Kategorie //Tiere// gibt es international genügend Daten, die einen Vergleich ermöglichen, wenn auch nur für die Messzeit von einer Minute. Auch dies wird im Folgenden dargestellt.
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 Man sieht, dass den Probanden zu den selten vorkommenden Anfangsbuchstaben M und P weniger Wörter einfallen als zu normal häufigen wie B oder K. Nach oben scheint der Zuwachs dagegen begrenzt zu sein: auch mit dem sehr häufig vorkommenden Buchstaben S fallen einem kaum mehr Wörter in einer oder auch zwei Minuten ein als mit den normal häufig vorkommenden Buchstaben B und K. Während die elexicon-Daten und die Ein-Minuten-Normen des RWT (hier für 18-29-Jährige) gut übereinstimmen, weichen die verbalen Suchraumangaben im RWT-Manuel bei den meisten Buchstaben davon ab. Lediglich beim Buchstaben S stimmen die Angaben überein. Im RWT-Manual ist nicht erwähnt, woher die Suchraumangaben stammen. Es macht große Unterschiede, ob man dazu Wörterbucheinträge (was wohl die richtige Ausgangsmenge ist) oder Fließtexte analysiert. In Fließtexten kommt zum Beispiel wegen der vielen bestimmten Artikel der Buchstabe D viel häufiger vor als in Lexika.  Man sieht, dass den Probanden zu den selten vorkommenden Anfangsbuchstaben M und P weniger Wörter einfallen als zu normal häufigen wie B oder K. Nach oben scheint der Zuwachs dagegen begrenzt zu sein: auch mit dem sehr häufig vorkommenden Buchstaben S fallen einem kaum mehr Wörter in einer oder auch zwei Minuten ein als mit den normal häufig vorkommenden Buchstaben B und K. Während die elexicon-Daten und die Ein-Minuten-Normen des RWT (hier für 18-29-Jährige) gut übereinstimmen, weichen die verbalen Suchraumangaben im RWT-Manuel bei den meisten Buchstaben davon ab. Lediglich beim Buchstaben S stimmen die Angaben überein. Im RWT-Manual ist nicht erwähnt, woher die Suchraumangaben stammen. Es macht große Unterschiede, ob man dazu Wörterbucheinträge (was wohl die richtige Ausgangsmenge ist) oder Fließtexte analysiert. In Fließtexten kommt zum Beispiel wegen der vielen bestimmten Artikel der Buchstabe D viel häufiger vor als in Lexika. 
  
-**Tabelle 2: Anzahl von Wörtern in allgemeinsprachlichen deutschen Wörterbüchern und Wortflüssigkeits-Rohwerte in Abhängigkeit vom Anfangsbuchstaben** +**Tabelle 2: Anzahl von Wörtern in allgemeinsprachlichen deutschen Wörterbüchern und mittlere Wortflüssigkeits-Rohwerte in Abhängigkeit vom Anfangsbuchstaben** 
-^ Buchstabe ^ Worthäufigkeit ^ Suchraum ^ Normdaten von Wortflüssigkeitstests ^^^^+^ Buchstabe ^ Worthäufigkeit ^ Suchraum ^ mittlere Rohwerte von Wortflüssigkeitstests ^^^^
 ^ ^ ^ ^ Dauer in s ^ RWT ^ LPS ^ LPS 50+ ^ ^ ^ ^ ^ Dauer in s ^ RWT ^ LPS ^ LPS 50+ ^
 | S | 12,0 | sehr groß | 60 | 16 | | | | S | 12,0 | sehr groß | 60 | 16 | | |
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 <sub>Worthäufigkeit: Prozentuale Häufigkeit von Wörtern mit diesem Anfangsbuchstaben im allgemeinsprachlichen Wörterbuch elexicon</sub>\\ <sub>Worthäufigkeit: Prozentuale Häufigkeit von Wörtern mit diesem Anfangsbuchstaben im allgemeinsprachlichen Wörterbuch elexicon</sub>\\
 <sub>Suchraum: Angabe im RWT-Manual</sub>\\ <sub>Suchraum: Angabe im RWT-Manual</sub>\\
-<sub>Normdaten von Wortflüssigkeitstests: Rohwerte</sub>\\ 
 <sub>Normierungsdatum RWT: 2000, LPS: 1962, LPS 50+: 1993</sub>\\   <sub>Normierungsdatum RWT: 2000, LPS: 1962, LPS 50+: 1993</sub>\\  
 <sub>Altersstufe RWT: 18-29 Jahre, LPS: 18-29 Jahre, LPS 50+: 50-69 Jahre</sub> <sub>Altersstufe RWT: 18-29 Jahre, LPS: 18-29 Jahre, LPS 50+: 50-69 Jahre</sub>
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-In Abbildung 16 sind die Ergebnisse der 22 Studien aus Tabelle 3 graphisch dargestellt. In der Abbildung sind die meisten Studien als dünne Linien eingetragen. Fett sind nur 6 Verläufe markiert: In schwarzer Farbe die über alle Studien gemittelten Rohwerte und deren 1-Sigma-Grenzen, in blau die Normen des RWT und in gelb und magenta der Verlauf der beiden CERAD-Teilstichproben. +In Abbildung 16 sind die Ergebnisse der 22 Studien aus Tabelle 3 graphisch dargestellt. In der Abbildung sind die meisten Studien als dünne Linien eingetragen. Fett sind nur 6 Verläufe markiert: In schwarzer Farbe die über alle Studien gemittelten Rohwerte und deren 1-Sigma-Grenzen, in blau die Normen des RWT und in gelb und magenta der Verlauf der beiden CERAD-Teilstichproben (bis und über 12 Jahre Schulbildung)
  
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-{{:tests:rwt_tiere_metaanalyse.png}}+{{:dokumentation:rwt_tiere_metaanalyse.png}}
  
 **Abbildung 16: Altersverläufe der Ein-Minuten-Rohwerte für "Tiere" der Studien aus Tabelle 6 und deren metaanalytische Zusammenfassung** **Abbildung 16: Altersverläufe der Ein-Minuten-Rohwerte für "Tiere" der Studien aus Tabelle 6 und deren metaanalytische Zusammenfassung**
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-Man sieht zunächst einmal, dass der Einfluss des Alters auf die semantische Wortflüssigkeit nicht so groß ist wie bei manchen anderen Funktionen. Die Differenz zwischen dem Mittelwert der jungen Erwachsenen und der 80-jährigen beträgt rund eine Standardabweichung. Bei visumotorischen Funktionen sind es regelmäßig eher zwei Standardabweichungen. Trotz der sehr heterogenen Stichproben liegen die meisten Daten der Einzelstudien auch innerhalb der Ein-Sigma-Grenzen. Als extrem gut erweist sich die CERAD-Stichprobe. Hier liegt die Teilstichprobe mit mehr als 12-jähriger Schulbildung oberhalb der Ein-Sigma-Grenze und auch die Stichprobe mit unter 12-jähriger Schulbildung liegt noch deutlich über den meisten anderen Studien in diesem Altersbereich. Die RWT-Stichprobe lässt sich in diesem Paradigma nicht pauschal bewerten: Es ist nämlich so, dass die jungen Probanden vergleichsweise sehr gut und die über 65-jährigen vergleichsweise sehr schlecht abschneiden, wenn man sie mit den Mittelwerten aller Stichproben vergleicht. Dies dürfte wohl Ausdruck einer selektiven Stichprobenziehung sein, bei der die jungen Teilstichproben eine viel höhere Bildung haben als die älteren. Teilweise muss das wegen der stets zunehmenden Bildung der Bevölkerung so sein, möglicherweise ist der Effekt aber bei der RWT-Stichprobe sehr stark ausgeprägt. +Man sieht zunächst einmal, dass der Einfluss des Alters auf die semantische Wortflüssigkeit nicht so groß ist wie bei manchen anderen Funktionen. Die Differenz zwischen dem Mittelwert der jungen Erwachsenen und der 80-jährigen beträgt rund eine Standardabweichung. Bei visumotorischen Funktionen sind es regelmäßig eher zwei Standardabweichungen. Trotz der sehr heterogenen Stichproben liegen die meisten Daten der Einzelstudien auch innerhalb der Ein-Sigma-Grenzen. Als extrem leistungsfähig erweist sich die CERAD-Stichprobe. Hier liegt die Teilstichprobe mit über 12-jähriger Schulbildung oberhalb der Ein-Sigma-Grenze und auch die Stichprobe mit bis 12-jähriger Schulbildung liegt noch deutlich über den meisten anderen Studien in diesem Altersbereich. Die RWT-Stichprobe lässt sich in diesem Paradigma nicht pauschal bewerten: Es ist nämlich so, dass die jungen Probanden vergleichsweise sehr gut und die über 65-jährigen vergleichsweise sehr schlecht abschneiden, wenn man sie mit den Mittelwerten aller Stichproben vergleicht. Dies dürfte wohl Ausdruck einer selektiven Stichprobenziehung sein, bei der die jungen Teilstichproben eine viel höhere Bildung haben als die älteren. Teilweise muss das wegen der stets zunehmenden Bildung der Bevölkerung so sein, möglicherweise ist der Effekt aber bei der RWT-Stichprobe sehr stark ausgeprägt. 
  
 Die Resultate dieser Analyse lassen sich vermutlich auf die anderen RWT-Subtests extrapolieren. Die Stichproben unterscheiden sich nicht nennenswert, das N schwankt bei den einzelnen Subtests zwischen 532 und 634, wahrscheinlich ja ohne Bezug zu den Stichprobenmerkmalen, die für die besonderen Verläufe des RWT in Abbildung 16 verantwortlich sind. Demnach sind die RWT-Normen bei den 18-39-jährigen wahrscheinlich um rund eine halbe Standardabweichung zu streng. Bei den 40-60-jährigen verringert sich diese Differenz zunehmend und bei den über 65-jährigen sind die Normen dann um eine halbe Standardabweichung zu mild. Da die TDB2Online-Normen für alle Zwei-Minuten-Subtests mangels geeigneter Daten aus anderen Quellen ausschließlich auf den RWT-Normen beruhen, gilt diese Bewertung natürlich auch für die in TDB2Online berechneten Werte. Die Resultate dieser Analyse lassen sich vermutlich auf die anderen RWT-Subtests extrapolieren. Die Stichproben unterscheiden sich nicht nennenswert, das N schwankt bei den einzelnen Subtests zwischen 532 und 634, wahrscheinlich ja ohne Bezug zu den Stichprobenmerkmalen, die für die besonderen Verläufe des RWT in Abbildung 16 verantwortlich sind. Demnach sind die RWT-Normen bei den 18-39-jährigen wahrscheinlich um rund eine halbe Standardabweichung zu streng. Bei den 40-60-jährigen verringert sich diese Differenz zunehmend und bei den über 65-jährigen sind die Normen dann um eine halbe Standardabweichung zu mild. Da die TDB2Online-Normen für alle Zwei-Minuten-Subtests mangels geeigneter Daten aus anderen Quellen ausschließlich auf den RWT-Normen beruhen, gilt diese Bewertung natürlich auch für die in TDB2Online berechneten Werte.
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